Alles eine Frage des Gleichgewichtes

Part I – Horizontales Gleichgewicht

Es gibt viele Diskussionen und Fragen über das Gleichgewicht und das Ungleichgewicht des Pferdes:

  • Das Pferd ist natürlich ungleichgewichtig, oder ist es für sich selbst völlig im Gleichgewicht?
  • Sollte es in seinem Un/Gleichgewicht „korrigiert“ werden, damit es sich gesund unter dem Sattel bewegt?  
  • Wann entsteht Gleichgewicht im Pferd und wie begünstigt man es?
  • Wann wird dieses gestört?
  • Und mit dem Gleichgewicht oder Ungleichgewicht des Pferdes einhergehend, verändert sich der Schwerpunkt im Pferd, oder nicht?

Der Bewegungsapparat des Vierbeiners Pferd

Wie bei jedem Wirbeltier ist der Pferdekörper durch Knochen, Muskeln, Bänder, Sehnen und das myofasziale Netzwerk, das die Knochen wie ein Spinnennetz (Tensegritätsmodell) aufspannt, aufgebaut.

Dieser Aufbau beinhaltet eine bestimmte physikalische Statik, die das Gleichgewicht des Pferdes in der Bewegung bestimmt. Da aber der Pferdekörper, wie der jedes Wirbeltieres, ein dynamisches System ist, ist auch der Schwerpunkt des Pferdes variabel.

Das Gleichgewicht

Das Gleichgewicht und somit auch der Schwerpunkt ist bei jedem Pferd meiner Beobachtung nach individuell und kann bemessen werden. Die folgenden Messungen stellen dar, wie das Gebäude des Pferdes Einfluss auf das Gleichgewicht des Pferdes nimmt.

  • Gelbe Linie: Hüftgelenk – Halsbasis (HW-C5)

Je nach Gebäude, Beweglichkeit, Kraft und Ausbildungsbildungsstand des Pferdes (beugsame oder steile, steife Hinterhand), nimmt die Hüftaktivität Einfluss auf die Halsbasis.

  • Blaue Linie: Hüftgelenk – Schultergelenk

Die Hüftaktivität nimmt auch Einfluss auf das Schultergelenk

  • Lotrechte der Linien: Hüftgelenk – Darmbein und Schultergelenk – Schulterblattknorpel = Schwerpunkt

Hüft- und Darmbeinaktivität nimmt Einfluss auf das Schultergelenk, was wiederum Einfluss auf den Schwerpunkt nimmt.

Diese verschiedenen Ansatzpunkte sind variabel in ihrer Aktivität und in ihrem Einfluss aufeinander. Das heißt, je nachdem, wie die Hinterhand eines Pferdes arbeitet und in ihrer Schubaktivität das Gewicht des Pferdekörpers in Richtung Vorhand verlagert, gibt sie mehr oder weniger Druck auf die Halsbasis und das Schultergelenk ab.

Bewegungsorganisation

Das Pferd beginnt, zum Beispiel für die Herstellung des Trabes, die Schubkraft über das Abdrücken der Hinterhandzehe aufzubauen. Es streckt alle Hinterhandgelenke und gibt den Druck nach oben ins Hüftgelenk ab. Dieses reagiert mit Streckung und gibt den Druck an das Iliosakralgelenk ab, welches die Schubkraft mit dem Lumbosakralgelenk weiter vorantreibt. Wirbel-, Muskel- und Myofasziale Ketten sind dabei entsprechend beteiligt, die Schubkraft und die Körpermasse nach vorn zu verlagern, damit Last unter anderem auf die Halsbasis kommt, welche diese auf das Schultergelenk abgibt. So kann das diagonale Vorderbein des vorantreibenden Hinterbein in Lastaufnahme und anschließender Zugkraft die Körpermasse in Bewegung bringen. Schiebt die Hinterhand bei der Bewegungsinitiierung sehr stark bzw. ist das Hüftgelenk ggf. sogar überstreckt und/oder die Hinterhand sehr stark aufgestellt, entsteht entsprechend mehr Druck auf der Vorhand sprich der Halsbasis und/oder dem Schultergelenk. Beides kann voneinander getrennt belastet werden. Wird der Hals tendenziell höher getragen, entsteht weniger Abwärtsdruck in der Halsbasis. Jedoch kann, je nach muskulärer und faszialer Tätigkeit im Bereich des Schultergürtels das Schultergelenk immer noch absacken. Gibt das Hüftgelenk weniger Druck ab, weil es beugsamer ist, entsteht auch weniger Druck auf der Vorhand. So verändert sich auch der Schwerpunkt im Pferd. Je nach Position und Aktion des Hüft- und Hinterhandgelenke verändert sich die Tätigkeit des Darmbeins und Iliosakralgelenks. Starker Schub streckt die Gelenke mehr und flacht die Linie nach vorne ab. Je nach Schulter/Schultergelenkstätigkeit in höherer oder tieferer Position hebt oder senkt sich die Linie. Sprich der Schwerpunkt wandert vor oder zurück. Je nach Höhe oder Tiefe des Hüftgelenks und/oder Schultergelenks.

Verschiedene Gebäude – andere Balance

Trainingszustand – verschiedene Bewegungen

Je nachdem was für ein Gebäude das Pferd mitbringt entsteht mehr oder weniger Last auf der Vorhand. Dies ist für das Pferd ein natürliches Körperverhalten und damit auch ein natürliches Gleichgewicht. Wird das Pferd geritten, entsteht Belastung im Bereich des 12.-15. Brustwirbels, was die Tätigkeit der Schulter verändert, sogar einschränkt. Dies wiederum führt zu einer Rückkopplung und Einschränkung im Bereich der Rückenmuskulatur, die für den Transport der Schubkraft mit verantwortlich ist. Das führt zu einer Einschränkung in der Tätigkeit der Iliosakralgelenke und somit der Hüftgelenke. Meistens überstrecken sich diese. So verändert sich bei vielen Pferden das Gleichgewicht und führt zu einem unnatürlichen Ungleichgewicht. Der Schwerpunkt wandert so nach vorn und die Vorhand wird ungesund überlastet. Neigt also das Pferd dazu, die Vorhand unter dem Reitergewicht zu überlasten, entstehen Kompensationsmuster und Dysfunktionen in verschiedenen Muskeln. Verspannungen im Rücken gehören zu den häufigsten. Dies kann zu negativen Kettenreaktionen führen.

Das Fazit ist, natürlich dafür zu sorgen, dass das Pferd keine ungesunden Muster aufbaut und kein Verschleiß in der Muskulatur, Bändern und Sehnen entsteht. Somit ist wichtig zu schauen, wie sich das Pferd in der Bewegung organisiert, und ob es dabei kompensiert, weil es ggf. in seinem natürlichen Gleichgewicht gestört ist. Dafür sollte das Hüftgelenk, wie auch die anderen Gelenke der Hinterhand frei arbeiten. In Streckung und Beugung in gleichem Maße, damit sich die Hinterhand nicht aufstellt und zu viel Schub und Druck auf die Vorhand übertragen wird. In der Vorhand muss darauf geachtet werden, dass die Halsbasis frei und angehoben arbeitet. Dies führt dazu, dass verschiedene Muskeln dafür sorgen, dass die Schulter nicht absackt und der gesamte Schultergürtel angehoben bleibt. Ist der Reiter in der Lage, die horizontale Balance, also einen ausgeglichen Zustand zwischen Hinterhand- und Vorhandaktion herzustellen, entstehen vielleicht nur geringfügige Kompensationsmuster im Pferd und es bleibt gesünder durch mehr Gleichgewicht.

Wahre Ruhe ist nicht Mangel an Bewegung. Sie ist Gleichgewicht der Bewegung.

Nicole Weinauge

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