Konventionell oder Klassisch. Was ist richtig?

Es sollte gar kein richtig oder falsch geben, sondern nur das, was das Pferd braucht. Es gibt viele Mißstände im Pferdesport, die inakzeptabel sind. Aber der Reitsport sollte nicht daraus bestehen, zu beweisen, dass einer besser als der andere ist und gegenseitig  mit dem Finger auf einander zu zeigen. Befasst man sich ausreichend mit der Natur des Pferdes, seiner Biomechanik, der Anatomie, der Evulotion, dem Nervensystem und der Psyche bezieht man das Pferd reell mit ein und lässt es nicht in Gedanken um Methodik und blindem Folgen von Reitweisen außen vor.

Gute Ausbilder der konventionellen Reiterei haben mich in meiner Jugend und später begleitet. Das Training war sportlich orientiert und auf Erfolg in der jeweiligen Disziplin ausgerichtet. Mitgenommen habe ich viele wichtige Elemente. Vor allem aber, den Fokus auf viel Losgelassenheit mit gleichzeitiger Dynamik zu legen. Im Generellen, aber vor allem in den Dressur Lektionen und auch am Sprung, damit das Pferd in der Lage ist, seinen Körper vollständig zu koordinieren und sich dabei frei zu bewegen. Es blieben jedoch Fragen für mehr gesundheitsfördernde Arbeit offen. Als in den 80/90ern langsam die Bewegung des immer enger Reitens und sogar Einrollens entstand, habe ich mich nach Alternativen umgesehen.

Ich erhielt die Möglichkeit, mehr Einblick in die klassische und die an die Geschichte der Reitkunst angelehnte Arbeit zu erhalten. Diese Arbeit beantwortete bereits etliche offene Fragen und lehrte mich, das Pferd seiner Natürlichkeit nach zu trainieren. Jede erarbeitete Lektion war ein Geschenk und wurde als etwas Besonderes angesehen. Es wurden sich Gedanken über den Aufbau dieser Lektionen gemacht und nur ein Fuß vor den anderen gesetzt. Nichts wurde überstürtzt oder unter Druck ausgeübt.

Dann lernte ich auch die klassisch französische Dressur kennen, der ich mich fast 20 Jahre gewidmet habe. Sie bietet in der Gymnastizierung und Dressurarbeit die nötige Struktur und einen konkreten Aufbauplan. Diese Arbeit hat die meine mit Sicherheit am nachhaltigsten geprägt, da sie äußerst schlüssig und tiefgründig ist. Ich blicke mit Dankbarkeit auf die ersten Erfolge von mehr Beweglichkeit der Pferde, die ich in dieser Arbeit trainiert habe. Entspannung, Kraft und ein stärkeres Selbstbewußtsein war eines der zahlreichen Ergebnisse und für mich prägnante Erfolge im Sinne der Gesundheit des Pferdes.

Folgende Meister sind für mich diejenigen, die sich am klarsten und respektvollsten mit dem Pferd befasst haben:

1530-1610 Salomon de la Broue

De la Broue war einer der bedeutendsten Reitlehrer des 16. Jahrhunderts. Er ist mit Antoine de Pluvinel und Chevalier Saint-Antoine einer der drei bedeutenden Schüler Giovanni Pignatellis aus der neapolitanischen Schule. Zusammen mit Pluvinel gilt er als Gründer der französischen Reitschule. De la Broue befasste sich umfangreich mit gewissen Reitübungen und der Erziehung des Reiters zum verantwortungsvollen, denkenden, ruhig planenden „Pferdemenschen“. Alles Negative musste in der Arbeit mit dem Pferd vermieden werden, und somit wurde das Erniedrigen des Pferdes als nicht akzeptabel angesehen. Ein ängstliches, nervöses, übermüdetes oder überfordertes Pferd könne niemals die Hohen Schulen erlernen, geschweige denn perfekt ausführen.

1555-1620 Antoine de Pluvinel

Pluvinel war Reitlehrer von Ludwig XIII. und einer der wichtigsten Vertreter der gewaltfreien Lehrmethode in der Reiterei. Obwohl er Schüler von Giovanni Pignatelli war und zu seiner Zeit die italienische Schule in der Reitkunst mit ihrer Gewaltmethode tonangebend war, war Pluvinel der Ansicht, dass das Pferd durch Verständnis für seinen Charakter, Lob und Geduld auch ohne Gewalt zur Mitarbeit gebracht werden könne. Diese gewaltfreie Methode sollte zur Leistungsfähigkeit des Pferdes beitragen und sein Leben verlängern. Diese Einstellung zeigt sich deutlich in den folgenden zwei Zitaten aus seinem Buch Le Manège Royal (postum 1623 erschienen):

„Das Pferd muss selber Freude an der Reitbahn haben, sonst wird dem Reiter nichts mit Anmut gelingen.“

„Wir sollten besorgt sein, das Pferd nicht zu verdrießen und seine natürliche Anmut zu erhalten, sie gleicht dem Blütenduft der Früchte, der niemals wiederkehrt, wenn er einmal verflogen ist.“

Pluvinel vertrat die Ansicht, dass alle Reitfiguren nur ein Herausarbeiten der natürlichen Bewegungen des Pferdes seien, die durch die Reiterei ausdrucksvoller gestaltet werden sollten.

1687-1751 François Robichon de la Guérienière

De la Guérinière erfand den noch heute gültigen korrekten Sitz des Reiters. In seinem 1733 erschienenen Buch École de Cavalerie beschrieb Guérinière als erster eine systematische Ausbildung für das Pferd, die vom Leichten zum Schweren führt, und noch heute als Grundlage für die klassische Reitkunst gilt. Guérinière lehnte jede Gewaltanwendung bei der Ausbildung des Pferdes ab und verlangte, dass jedes Pferd individuell ausgebildet werden müsse, so wie es seine Anlagen erfordern. Neben dem heute noch üblichen Sitz erfand Guérinière auch das Schulterherein (frz. épaule en dedans) und den Pritschensattel, um dem Reiter die neue Form des Sitzes, die in den bis dahin üblichen Sätteln kaum realisierbar war, zu erleichtern.

1796-1873 François Baucher

Baucher war ein französischer Meister der französischen Dressur. Er sprach sich gegen ein übertriebenes Gegeneinanderwirken verschiedener Hilfen aus. 1843 entsteht eine deutsche Übersetzung seiner Methode der Reitkunst nach neuen Grundsätzen. Nach verschiedenen Auflagen ergab sich die Methode, die als „erste Manier“ Bauchers bekannt wurde. Darauf folgte dann seine „zweite Manier“.

Baucher spaltete die Reiterwelt bereits zu seiner Lebzeit in zwei Lager. Diese Spaltung ist bis heute erhalten geblieben und drückt sich in der Existenz zweier berühmter Reitschulen aus, der Spanischen Hofreitschule, die nach den Methoden von François Robichon de la Guérinière arbeitet, und dem Cadre Noir, dessen Ausbildungsprogramm auf den Methoden Bauchers basiert.

 

Sitzkunst

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