Wie vertiefe ich die Beziehung zu meinem Pferd? Part I

Nervöse, unsichere Pferde

Wenn der Mensch je eine große Eroberung gemacht hat, so ist es die, dass er sich das Pferd zum Freunde gewonnen hat.
-Georges-Louis Leclerc de Buffon-

Schon seit ca. 40.000 Jahren leben Mensch und Pferd als Gefährten zusammen. Sie sind über Jahrhunderte hinweg durch schwere Zeiten, wie Kriege, gegangen. Wobei diese häufig ohne das Pferd anders ausgegangen wären. Historiker fragen sich deshalb, wo der Mensch heute ohne das Pferd wäre. So hat sich schon vor sehr langer Zeit eine besondere Beziehung zwischen Mensch und Pferd entwickelt.

Pferde und Menschen

Wie für viele Menschen, sind Pferde auch ein ganz großer Teil meines Lebens und ich hege eine enge Verbundenheit mit ihnen. Deshalb sehe ich es so, dass Pferde nicht UNSERE Pferde sind. Sie sind ein Produkt des Lebens, das sich selbst gehört. Sie kommen zu uns und können unsere Partner sein. Sie sind aber nicht FÜR uns.
Ein indianisches Sprichwort sagt: „Man beurteilt jemanden nicht danach, was er hat, sondern danach wieviel er gibt.“ Der Mensch hat den Lebensraum von vielen Lebewesen auf der Welt eingenommen. Auch den, des Pferdes, welches nur noch bedingt frei leben kann. Es lebt nun also in unserem Lebensraum, zu unseren Bedingungen. Viele Menschen sorgen sicher für die bestmöglichen Bedingungen, und doch ist vielen Menschen nicht klar, dass sie das Pferd „nutzen“. So ist das Pferd durch uns in die Position gebracht worden, zu geben. Wir nutzen es FÜR uns, um bestimmte Bedürfnisse im Leben zu erfüllen. Manchmal FÜR das Gefühl von Freiheit auf dem Pferderücken, manchmal FÜR die Zusammengehörigkeit, manchmal auch FÜR Anerkennung oder Erfolg. Viele UNSERER verschiedenen Bedürfnisse werden durch das Zusammensein mit dem Pferd erfüllt. Was geben wir dem Pferd aber dafür zurück? Natürlich, wir sorgen für Unterkunft und Verpflegung, aber ist das das, was sich das Pferd selbst ausgesucht hätte? Möchte das Pferd, jemanden auf seinem Rücken tragen, bis in den hohen Sport, so dass wir Menschen uns an UNSEREM Erfolg und dem damit verdienten Geld bereichern können? Wahrscheinlich nicht. Und trotzdem ist es immer wieder sogar mit vollem Herzen dabei und verhilft uns dazu, unsere Träume wahr werden zu lassen. Somit ist das etwas, was wir Menschen in unserem Leben manchmal mehr beherzigen können. Wir können von Pferden lernen, mehr zu geben, weniger zu nehmen und zu besitzen. Wir können lernen, persönlich zu wachsen. Wir können lernen, nicht mehr gewohnt zu sein, dass alles auf UNS ausgerichtet ist. Wir können lernen, es mehr zu schätzen zu wissen und es nicht als selbstverständlich zu nehmen, was uns das Pferd gibt. Wir können lernen, uns nicht immer selbst in den Vordergrund zu stellen. Jede Sekunde im Leben der Pferde, ist eine Sekunde des Lernens, Fühlens, Erlebens.

Als Trainer sehe ich es als meine Pflicht an, die Bedürfnisse des Pferdes in den Vordergrund zu stellen und es als gleichwertig anzusehen, mit ihm auf Augenhöhe zu kommunizieren. Denn so lange wir UNSERE Bedürfnisse in den Vordergrund stellen, stellen wir uns über das Pferd. Das Pferd sieht ein anderes Pferd allerdings, sobald dieses in die Herde aufgenommen wurde, als gleichwertig an. Sie organisieren sich gemeinsam für ihre gemeinsamen Bedürfnisse, in Zusammengehörigkeit. Das eine Pferd organisiert nichts für das andere, um dessen Bedürfnis zu stillen. Deshalb kann es unsere Handlungen nicht nachvollziehen. Es soll für UNS funktionieren, um UNSERE Bedürfnisse zu erfüllen und wird dabei nicht oft genug als gleichwertig angesehen und deshalb findet die Kommunikation immer auf der Hierarchieebene statt und nicht auf der Partnerschaftlichen. Für mich setzt da die Vertiefung der Beziehung zu unserem Pferdepartner an: Partnerschaftliches Denken, aber vor allem partnerschaftliches Fühlen.

Die Emotionen

Wissenschaftler haben sich damit befasst, wie Tiere, die mit uns zusammenleben, uns emotional spiegeln können. Sie haben festgestellt, dass sie wie der Mensch durch Spiegelneuronen emotional gleichwertig auf unsere Gefühle reagieren. Sie haben Hirnregionen erforscht, die dafür verantwortlich sind, dass die Tiere sogar die selben Emotionen empfinden können. Sind wir gestresst oder haben Erfolgsdruck, spürt dies unser Pferd in selbem Maße. Entspannen wir und hegen positive Gefühle auch in schwierigen Situationen, kann das Pferd dies „nachempfinden“ und „mitentspannen“.

Es kommt in der Beziehungsebene also auf unsere eigenen Emotionen und unsere Ansprüche an das Pferd an, die wir für die Beziehung zu unserem Pferd bedenken sollten. Denn unsere Ansprüche, sind nicht unbedingt die des Pferdes. Möchte ich geren sportlich tätig sein, muss ich prüfen, ob mein Pferd den Mut, die Selbstsicherheit und die Kraft dazu besitzt. Es gibt Pferde, denen der Trubel, trotz Gewöhnung, schlicht weg zu viel ist, weil er aus der Sicht des Pferdes völlig unnatürlich ist. Um eine tiefere Beziehung zu unserem Pferdepartner aufbauen zu können, kommt es darauf an, dass wir unsere Bedürfnisse und Wünsche mit den Bedürfnissen und Möglichkeiten des Pferdes in Einklang bringen. Begegnen wir dem Pferd ohne Ansprüche, begegnen wir ihm gleichwertig, als ein respektvolles Herdenmitglied. Verkörpern wir eine respektvolles Herdenmitglied, tun wir Gutes für die Beziehung zum Partner Pferd, indem wir uns auf dessen jeweilig individuelle Art der Kommunikation einstellen. Dann fühlt es sich von uns verstanden. Einige Pferde benötigen eine deutliche Sprache. Eher im Schwarz-Weiß Denken. Mit anderen wiederum muss geflüstert werden, und es gibt Grauzonen. Um uns auf die jeweilige Kommunikationsfähigkeit des Pferdes einzustellen, müssen wir „erfühlen“ wie sich unser Pferd fühlt, was uns seine Persönlichkeit mitteilt. Dann stellen wir uns konkret auf das Pferd ein.

Haben wir es zum Beispiel mit einem unsicheren, sensiblen und leicht nervösen Pferd zu tun, müssen wir unserem Gefühl nachgehen und herausfinden, ob es sich um ein Pferd handelt, dass gut damit umgehen kann, dass man weich und sanft mit ihm kommuniziert. Oder löst genau diese Art der Kommunikation und des Händlings noch mehr Unsicherheit aus. Dann braucht dieses Pferd eine klare Führung, um sich wohl zu fühlen. Wir müssen einem unsicheren Pferd klar beweisen, dass wir es verstehen, uns auf es einstellen, aber auch, dass wir ein vertrauensvolles Herdenmitglied sind. Unsichere Pferde stellen immer wieder die Frage, wer welchen Job in der Herdenkonstellation hat. Eine Herde organisiert sich immer wieder dynamisch und Hierarchien bilden sich nur teilweise, die variabel sind. So fragen gerade die unsicheren Pferde immer wieder nach, wer was zu tun hat. Einfach, um sicher zu sein. Die unsicheren Pferde fragen dies auch beim Menschen ab, da der ja mit ihnen umgeht, also ein potenzielles Herdenmitglied ist. Sie tun dies, indem sie den Menschen bewegen, steuern, und zwar so fein, dass es der Mensch zu meist erst wahrnimmt, wenn das Pferd damit beginnt, den Individualbereich des Menschen einzunehmen. Das Einnehmen des Individualbereichs bedeutet, dass das Pferd diesen Raum beansprucht, und damit für den Moment ranghöher ist, und sich dem nächsten Job widmen muss. Zum Beispiel das Erkunden des Areals, in dem man sich befindet. Dann ist es prinzipiell schon zu spät, denn das Antesten beginnt viel früher über Körperspannung, Energieaufbau und Verschiebung der Energie. Es ist so fein, dass der Mensch es kaum wahrnimmt, da er nicht gewohnt ist auf dieser Ebene zu kommunizieren. Sind wir in der Lage zu „erfühlen“, was das sensible unsichere Pferd von uns braucht, können wir ihm das geben und ihm ein wertiger Partner sein. Dann braucht es nicht weiter seinen Instinkten folgen und Druck ausüben. Beweisen können wir dies über verschiedene Sprach- oder Kommunikationsübungen. Die Sprache und wie diese Übungen erarbeitet werden, muss komplett auf die Persönlichkeit und die Gefühlsebene des Pferdes angepasst sein, damit wir dem Individuum Pferd gerecht werden. Eine Methode auf alle Pferde anzuwenden, ist ein technisierter mechanischer Weg, der nur bedingt oder zu kurzem Erfolg führt.

Übungen für die Vorgehensweise mit einem tendenziell nervösen, unsicheren Pferd

Halten (Stehen und Gehen in Ruhe und in Dehnungshaltung)

Es klingt fast ein bisschen simple, aber verfolgt man die Aufgabe “Dehnungshaltung” in einer bestimmten Art und Weise hat sie immensen Erfolg, um das Pferd zu entspannen und aufnahmefähig zu machen. “Entspannung” wird dem Pferd zuerst am Boden beigebracht. Voraussetzung hierfür ist, dass das Pferd, den Individualbereich des Menschen ausreichend respektiert und gesetzte Grenzen nicht überschreitet. Über das „Stehen und Gehen in Dehnungshaltung“, während der Mensch eine natürliche souveräne innere Haltung und damit eine qualitätsvolle Führungsposition einnimmt, löst man potentielle Spannung im Pferd. Sie wird zu Beginn in einer einfühlsamen Art und Weise des Druckes am Kopf zum Senken des Halses hergestellt. Elementar ist jedoch dabei, womit, wie und wo dieser Druck ausgeübt wird. All dies hängt von der Sensibilität und dem Stresslevel des Pferdes ab. Das Senken des Halses kann rein durch ein Hand auflegen am Genicke, Handdruck, Fingerspitzendruck oder aber durch dosierten Zug am Knotenhalfter erzeugt werden. Dies sollte keinesfalls in mechanischer Art und Weise geschehen, denn das wirkt sich trotz der Haltung negativ und zwanghaft statt beruhigend auf das Pferd aus. Das Pferd muss „Entspannung“ ja erst lernen. Kurze Sequenzen helfen, langsam mehr Erfahrung im Entspannen zu sammeln. Das Umfeld, die Atmosphäre, das Gefühl und die Intention des Menschen ist bei dieser Arbeit ausschlaggebend. Geschieht dies mit dem richtigen Gefühl von Ruhe und Geborgenheit, kommt das Pferd in eine Entspannung und eine automatische Reaktion des parasympathischen Nervensystems (Untersystem des Zentralen Nervensystems: Ruhe- und Verdauungsystem) stellt sich ein. Die Dehnungshaltung stellt innere Ruhe über den äußeren Ruhezustand des Körpers her. Sprich es wird eine psychische und instinktive Verbindung (cross-koordinative Einwirkung) mit entspannenden Haltungen (grasen, trinken, schlafen) kombiniert. Die Dehnung erreicht die Oberlinie bis hin zur Hinterhand und entspannt somit den Nervenbereich und die verbundenen Muskeln des sympathischen Nervensystems (Untersystem des Zentralen Nervensystems: Flucht und Kampfmodus).

Kontrolle der Hinterhand (Weichen des inneren Hinterbeins)

Die Kontrolle der Hinterhand vertieft den Ruhemechanismus im Pferd. Kontrolliert man die Beine des Pferdes, indem man sie kreuzen lässt, erlangt man positive Kontrolle über dessen gesamten Fluchtbewegungsmechanismus. In dieser Übung kann das Pferd keine Vorwärtsbewegung mehr erzeugen, es kann sich nur mehr um die Vorhand drehen. So wird Druck aus der natürlichen Vorderlastigkeit des Pferdes durch mehr Beweglichkeit in der Hinterhand genommen. Dies hat einen äußerlichen und auch innerlichen Lösungseffekt. Geschieht dies in der Dehnung wird dieser Effekt gesteigert.

Folgen (Das Pferd bewegt sich harmonisch mit dem Menschen – Seite an Seite und auf den Menschen zu)

Ist das Pferd in einem ausgeglichenen Ruhezustand, ist man in er Lage, das „Folgen“ abzufragen. Hierbei geht es um eine harmonische gleichmäßige und gemeinsame Bewegungsabfolge – nebeneinander, aber auch aufeinander zu, vorrangig das Pferd auf den Menschen. Dabei bleibt das Pferd auch in Dehnung und somit immer noch in der Entspannungshaltung. So ergibt sich eine Partnerschaftlichkeit und Sicherheit beider Körper und damit ein hohes Vertrauenspotenzial.

Kontakt (enger Körperkontakt)

Ein enger Körperkontakt ist beim Folgen eine Steigerung des gegenseitigen Vertrauens. Nähert sich das Pferd in respektvoller Wahrnehmung dem menschlichen Körper und umgekehrt, führt diese Nähe zu einer tieferen inneren Verbindung miteinander.

Dies sind die wichtigsten Übungen für eine gute Beziehungsebene, auf denen noch einiges mehr aufgebaut werden kann.

Meine Arbeit basiert darauf, dem Pferdemenschen dabei behilflich zu sein, seinen Pferdepartner besser zu lesen und so dessen eigene Sprache zu verstehen. Weiß dieser, was das Pferd braucht, um wiederum seinen Menschen zu verstehen, kann eine Kommunikation aufgebaut, die zu mehr Verbundenheit miteinander führt. Eine gemeinsame Sprache führt zu Zusammenhalt, Zugehörigkeit und Gemeinsamkeit. Pferd und Mensch können so gemeinsam Herausforderungen bewältigen. Sie sind gemeinsam stark und wachsen miteinander. Es entsteht dabei Wunderschönes und jede Sekunde im Leben der Pferde, wird zu einer Sekunde des Lernens, Fühlens, Erlebens, des Lebens selbst.

Nicole Weinauge

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